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Was machen eigentlich Erwartungen mit uns?

Du kennst das bestimmt. Du kommst nach Hause nach einem anstrengende Arbeitstag, hängst die Jacke an die Garderobe, freust dich auf einen leckeren Kaffee mit einem Keks und machst dich auf den Weg in die Küche. Diese Auszeit hab' ich mir jetzt wirklich verdient, denkst du dir und bereitest dich mental auf deinen verdienten Feierabend vor. Das wird mal wieder so richtig gemütlich. Noch ein paar Seiten aus deinem Lieblingsbuch lesen und der Nachmittag ist perfekt.

Denkste!

Denn dein Partner oder deine Partnerin möchte dich überraschen und kommt kurz nach dir die Wohnungstür rein. Er/Sie hat sich extra früher frei genommen und möchte dich zu einem Fahrradausflug entführen.

Du druckst etwas rum und möchtest eigentlich sagen, dass dir gerade nicht danach ist, weil du wirklich total platt bist, aber um ihn/sie nicht zu enttäuschen verkneifst du dir deine Äußerung und machst dich mehr oder weniger bereitwillig auf zu deinem Fahrrad.

Vielleicht kommt dir aber auch diese Situation bekannt vor:

Es ist mal wieder ein Geburtstag angesagt. Der 625. dieses Jahr. Du warst bisher bei jedem Geburtstag dabei, denn das gehört sich schließlich so. Es ist ja schließlich die Familie. Und die Familie bleibt ein Leben lang. Es ist wichtig es sich mit der Familie gut zu halten, denn wenn keiner mehr da ist, ist die Familie immer noch da, um dir zu helfen. Und schließlich war Karl-Günther ja auch immer auf deinem Geburtstag. Und wer weiß, wie oft wir noch seinen Geburtstag feiern können. All diese Weisheiten abgespeichert machst du dich nach einem anstrengenden Arbeitstag oder an deinem wohlverdienten Wochenende mental bereit für diesen monumentalen Tag. Karl-Günthers Geburtstag.

Du würdest jedoch viel lieber raus in die Natur oder ein gutes Buch lesen, mit deinen besten Freunden essen gehen oder die Zeit mit deinem Partner/deiner Partnerin verbringen. Aber nein, das kannst du nicht machen. Es ist ja schließlich nur einmal im Jahr Geburtstag und diese Zeit wirst du dir wohl nehmen können.

Drehen wir den Spieß einmal um:

Du machst den eben genannten Fahrradausflug mit und ihr verbringt eine wirklich schöne Zeit miteinander. Abends geht ihr noch etwas essen und schließt den Tag mit einem Film auf der Couch ab.

Weil der Tag letztendlich so schön war möchtest du in der nächsten Woche deinen Partner/deine Partnerin überraschen. Die Szenerie ist die gleiche. Du kommst nach ihm/ihr nach Hause und berichtest von dem geplanten Ausflug. Dein Mann/deine Frau sagt aber „Tut mir leid, aber ich bin jetzt gleich schon mit den Jungs/den Mädels verabredet. Wir gehen ins Kino.“

Uff. Das hat gesessen. Du bist fest davon ausgegangen, dass er/sie sich über deine Überraschung freut und jetzt sowas. Das werde ich so auf jeden fall nicht nochmal machen, denkst du dir. Der schöne Tag von letzter Woche ist vergessen. Die Wut über dein Opfer wird immer größer. Du fühlst dich verkauft und verraten.

Verlangen , Erwarten , Erwartungen haben , Erwartungen erfüllen , Zeigen

In all diesen Beispielen stecken riesige Hände voll mit Erwartungen. Aber ist das nicht ganz normal?

Naja, sagen wir mal „leider“ ist das in unserer Gesellschaft normal. Denn was bekommen wir unser Leben lang beigebracht?

Wenn du Leistung erbringst erhälst du einen Gegenwert. Wenn du dem Lehrer die Tür aufhältst gibt's einen Pluspunkt. Wenn du dem Chef Honig ums Maul schmierst kannst du auf eine Beförderung hoffen.

Dazu kommt der allgemein gebräuchliche Glaubenssatz „ Die Menge weiß immer mehr als der Einzelne.“ Das heißt, was die Mehrheit sagt, muss ja dann schon irgendwie richtig sein.

Bei 8000 € vertraust du noch dem Publikum. Aber wie siehts denn bei 500.000 € aus?

Wir müssen in unseren Beispielen jedoch unterscheiden zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Erwartungen.

Hinter gesellschaftlichen Erwartungen steht eine Gruppe, in unserem Beispiel die Familie.

Hinter persönlichen Erwartungen steht eine einzelne Person, in unserem Beispiel dein/e Partner/in bzw. du selbst.

Persönliche Erwartungen resultieren meist aus einem Konflikt mit der betreffenden Person, die diese Erwartung erfüllen soll, aus persönlichen Moralvorstellungen (wobei man hier schauen muss, ob diese nicht auch von der Gesellschaft vorgegeben/vorgelebt wurden) oder aus Erwartungen, die man selbst bereits erfüllt hat, weil man die Person nicht enttäuschen wollte (wie im ersten Beispiel).

Gesellschaftliche Erwartungen gehen da einen Schritt weiter. Hier gibt es einen Gruppenkern, der meist für eine Situation spricht und allen anderen Gruppenmitgliedern einbläut (meist durch moralischen Druck), wie richtiges Verhalten geht. Es entsteht eine Gruppendynamik in der die Erwartungen dieser Gesellschaft dauerhaft weiterleben, weil die Erwartungserfüller natürlich auch möchten, dass dieses Verhalten so fortgeführt wird, weil sie es schließlich auch bereits ihr Leben lang getan haben.

Typische Sätze sind sowas wie: „Ich weiß Mia, ich hab' auch keine Lust auf den Geburtstag von Onkel Karl-Günther, aber Tante Inge ist sonst sehr traurig und schließlich waren die beiden ja auch immer auf deinem Geburtstag.“

Nachdenken , Denken , Erwartungen erfüllen , grübeln

Habt ihr euch mal gefragt, ob Onkel Karl-Günther das alles weiß? Würde er von euch erwarten, dass ihr zu seinem Geburtstag kommt, wenn ihr gar keine Lust habt? Hat er denn eigentlich selbst Lust, seinen Gebrutstag jedes Jahr zu feiern oder ist das auch nur eine gesellschaftliche Erwartung, der er sich beugt?

Egal wie es sich darstellt und wer von wem etwas erwartet. Egal ob es sich dabei um gesellschaftliche Erwartungen oder persönliche Erwartungen handelt. – Eines haben sie alle gemeinsam. Sie setzen dich in einen imaginären Käfig und rauben dir deine Energie. Dabei ist es egal, ob du etwas von jemand anderem erwartest oder von dir etwas erwartet wird. Letztlich kannst du nur als Verlierer/in aus dem Ring gehen.

Eine Erwartung von dir an einen anderen Menschen, die sich nicht erfüllt, wird dich in einen anderen Gemütszustand versetzen. Dieser Gemütszustand wird sich vermutlich und in 99% der Fälle nicht besonders positiv gestalten. Denn du bist enttäuscht. Du bist wütend. Du bist traurig. Du bist verletzt. Deine Gedanken überschlagen sich. Warum, weshalb, wieso? Warum gerade jetzt? Warum immer du? Wieso bist du ihm das nicht wert? Weshalb machst du das überhaupt immer alles für sie?

Es entsteht ein Konflikt zwischen mindestens zwei Personen (Bei gesellschaftlichen Erwartungen gestalten sich die Konflikte etwas komplexer und sind lange nicht so leicht zu lösen, denn das System möchte bedient werden.).

Durch deine eigene Erwartung hast du also eine Situation geschaffen, von der du eigentlich das Gegenteil erreicht hast. Du wolltest einen schönen Tag verbringen. Du hast eine Woche voller Diskussionspotential erhalten und verballerst dafür mal eben deinen Monatsvorrat Energie. Du sitzt jetzt in diesem Energiesaugenden Käfig und kommst nur raus, wenn du ab jetzt deine Einstellung änderst.

Aber wieso deine Einstellung? Dein Partner/deine Partnerin wollte doch lieber mit den Freunden ins Kino!

Ganz genau. Jetzt stell dir mal vor, du hättest im ersten Beispiel ehrlich geantwortet und gesagt, dass du lieber zu Hause bleiben möchtest, weil du wirklich kaputt bist.

Klar hätte es sein können, dass dein/e Partner/in ebenso enttäuscht wäre wie du es letztlich warst. Aber mal ehrlich: Das wäre dann sein/ihr Problem gewesen. Einer von euch beiden muss den ersten Schritt machen und ehrlich sein. In dem Fall ist er/sie dir zuvor gekommen.

Wenn du aber jetzt bereit bist, deinen Blickwinkel zu verändern, deine Erwartungen abzulegen und vor allem auch keine Erwartungen mehr zu erfüllen, trittst du aus deinem dich aussaugenden Energiekäfig heraus und bestimmst ab jetzt selbst, was gut für dich ist und worauf du einfach keine Lust hast. Dazu kommt als sehr positiver Nebeneffekt, dass du auch dein Gegenüber aus seinem/ihrem Käfig befreist.

Heraus schreien , protestieren , durch Megafon rufen

Ich höre förmlich die Schreie: "Aber die Familie!" "Ich verstehe das ja bei fremden Menschen, aber bei der Familie gibt es Ausnahmen!!"

Nein, es gibt keine Ausnahmen! Die einzige Ausnahme, die es gibt ist, wenn du eigentlich keine Lust hast, aber du weißt einem anderen Menschen würde deine Anwesenheit oder etwas das du tun kannst gerade sehr gut tun. Du machst dich aus Nächstenliebe auf den Weg zu ihm/ihr und schenkst der Person eine schöne Zeit.

Aber auch dabei solltest du dich immer fragen, ob du selbst gerade Kapazität hast oder nach diesem Besuch zwei Wochen krank geschrieben werden musst.

Niemand bestimmt über dein Leben. Aber nur du selbst kannst diesen Zustand herbeiführen.

Du bist mehr wert als 500.000 €.

Bist du für "Erwartungen erfüllen" oder "Bedürfnisse äußern"?


Alles Liebe und federleichte Gedanken, Vanessa


 

Als Unterstützer für eine ehrliche Kommunikation und Energiebringer, wenn es darum geht die eigenen Bedürfnisse zu äußern, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben:



 

Bei jeglichen Anregungen oder Fragen, schreib' uns jederzeit gerne an. Wir freuen uns über einen regen Austausch! ♡


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Schwierige Frage. Bedürfnisse äußern. Definitiv. Heißt aber auch: Bedürfnisse kennen. Klar. Es gibt jedoch auch diesen klugen Satz: es gibt keine größere Enttäuschung, als mit einer großen Freude zu "gleichgültigen" Menschen zu kommen. Und das gilt in beide Richtungen. Man muss diese Art der Kommunikation also von Anfang an "kultivieren". Tut man das? Haben wir das gelernt? Gratwanderung, wie alles im Leben. Aber: mal wieder ein grandioser Text, meine Liebe.

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